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Im ersten Teil dieser kurzen Reihe habe ich männliche und frauliche Führungsqualitäten in Bezug auf die grundlegenden Beziehungsmerkmale Kooperation und Konkurrenz untersucht. Diesmal soll es auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede hinsichtlich der ebenso ‚saftigen‘ Beziehungsdefinition Rang und Status gehen …

Rang und Status

Überraschung: wir Männer sind im Allgemeinen wesentlich mehr von Status und Rang getrieben als Frauen. In all meinen Beispielen in dem Abschnitt über Rang und Privilegien und deren Anziehungs­kraft hatte ich ständig Bilder von Männern im Kopf, und eigentlich nie von Frauen. Bei weni­gen so ausschweifenden Verallgemeinerungen über die Geschlechter hinweg fühle ich mich auf so sicherem Boden wie hier – sie entspringen sowohl meiner täglichen Erfahrung in Organisationen aller Art wie auch der Analyse vieler meiner Kollegen und Kolleginnen.

Der relative Rang eines Mannes ist natürlich das Ergebnis seines Konkurrenzkampfes mit anderen Männern. Der Sieger landet ganz oben auf dem Siegertreppchen der Hierarchie, jedenfalls vorübergehend –bis nämlich ein anderer ihn besiegt. In einer (von einer Frau durchgeführten) Untersuchung an der Rutgers Universität, die der Frage nachging, warum so viele männliche Politiker in Sex-Skandale verwickelt werden, aber so auffällig wenige Frauen, las ich die Formulierung:

Women run for office to do something. Men run for office to be somebody". (Frauen gehen in die Politik um etwas zu tun. Männer gehen in die Politik um jemand zu sein).

Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.

 

In einer empirischen Untersuchung der Universität Antwerpen zur relativen Intelligenz von Menschenaffen wurden Gruppen von Schimpansen und Bonobos gegeneinander getestet, was ihre komplexen Problemlösungsfähigkeiten angeht. Die Hypothese der Untersucher war, dass die Schimpansen den Wettbewerb gewinnen würden, denn im Unterschied zu den Bonobos benutzen sie Werkzeuge. Tatsächlich gewannen aber die Bonobos – genauer gesagt, ein Bonobo-Weibchen. Die Frage, welche die ‚intelligentere‘ der beiden Arten ist, konnte aber durch die Untersuchung nicht endgültig geklärt werden, denn: Die Bonobos sind matriarchalisch organisiert, die Schimpansen patriarchalisch. Sie mussten die Arbeit an der Problemlösungsaufgabe ständig unterbrechen, um sich den Kämpfen um Rang und Macht zu stellen, zu denen sie von ihren wahrscheinlich meist jüngeren und sehr ehrgeizigen männli­chen Konkurrenten unablässig herausgefordert wurden. Währenddessen widmeten sich die Bonobo-Weibchen in aller Seelenruhe der komplexen Herausforderung des Problems.

Dies heißt natürlich alles nicht, dass wir männlichen Primaten einfach ein Rad abhaben mit unserer Konkurrenzsucht. Es gibt für sie nämlich mindestens diesen guten Grund: Frauen lieben Sieger. Kein Mann kann das ignorieren. Wir steigen hier hinab in die Urgründe evoluti­onärer Psychologie, aber so ist es nun einmal, und es ist ja auch alles nichts Persönliches: Welche Frau, die bei Sinnen ist, sollte ein Interesse daran haben, den Kindern, die sie haben wird, die minderen Gene eines Verlierers einzuverleiben, wenn sie die Wahl hat? Es gibt eine wundervolle Stelle in T.H. Whites ‚Der König auf Camelot‘: der Schamane Merlin klärt den Knaben Artus darüber auf, mit welchen Verhältnissen er in der Welt, über die er eines Tages herrschen würde, zu rechnen hätte. Er sagt zu ihm sinngemäß: „Eins musst du verstehen, und du darfst es niemals vergessen: Männer wollen die Welt beherrschen. Und Frauen wollen die Männer beherrschen, die die Welt beherrschen.“ Mächtige Männer üben eine starke Attraktion aus auf Frauen, die was auf sich halten. Selbst wenn jene klein sind und körperlich nicht wahnsinnig attraktiv und Sarkozy heißen - oder dick, orange und fett wie Donald J. Trump).

 

Wenn wir mit diesen, zugegebenermaßen sehr zugespitzten, aber doch unbezweifelbaren Klarstellungen zurückkehren in die moderne Welt der Organisation, heißt das:

Sie als Führungskraft müssen damit rechnen, dass Männer und Frauen, gänzlich unpersön­lich, unterschiedlich motiviert und getrieben sind. Nicht nur in Bezug auf Abhängigkeit und Konkurrenz, sondern auch, in sehr engem Zusammenhang damit, durch das Streben nach und Erlangen von Rang, Status und Privilegien. Die Führungsbeziehungen von Männern zu Frauen, von Frauen zu Männern, von Frauen zu Frauen und von Männern zu Männern sind jeweils sehr unterschiedlich, im Sinne der hier dargelegten überpersönlichen Beziehungsdi­mensionen. Sie wollen in diesem Sinne mit großer Bewusstheit und Umsicht gestaltet wer­den, will man gemeinsam wirklich stärker und schlauer sein als ohne den anderen Pol.

Die jeweiligen Stärken der Geschlechter in Beziehung zu setzen und für das Ganze zu nutzen, ist eine der Kernkompetenzen von Tough Love – gleich, ob der oder die, von dem sie höherrangig gestaltet wird, männlich oder weiblich ist.

 

Auf einer noch überragender wichtigen und wahrhaftig globalen Ebene beinhaltet dies: Das Problem zwischen den Geschlechtern ist nicht das ihrer Unterschiedlichkeit. Die ist vollkom­men genial, und es braucht wahrscheinlich einen Gott und eine Göttin, um sich so etwas auszudenken. Nicht zuletzt ist sie aus rein darwinistischer Sicht ein überwältigendes Erfolgs­rezept. Niemand im Universum kann interessiert daran sein, die Männer zu Frauen oder die die Frauen zu Männern zu machen, oder beide in eine Art ungeschlechtliches Porridge.

Das einzige, das wirklich einzige Problem ist der Unterschied im relativen Rang der beiden Pole geschlechtlicher Existenz. Oben und unten eben.

 

Manchmal gibt es diesen Unterschied sogar dann, wenn die hierarchischen Verhältnisse eigentlich offiziell umgekehrt sind. Vor ein paar Monaten wurde ich Zeuge folgender Szene: Die Chefin eines Führungszirkels, die Ranghöchste in der Runde, kam zu spät zu einem Meeting, etwa 10 Minuten. Sie entschuldigte sich bei ihrem Eintreten auf das Netteste und Bescheidenste, es täte ihr wirklich leid, sie wäre aufgehalten worden, hoffentlich hätte man schon anfangen können. Als wäre sie nicht die Chefin, sondern die Assistentin. Eine solche Geste, inklusive aller körpersprachlichen Niedrigstatussignale, habe ich in all den Jahren meiner organisationsanthropologischen Feldforschung noch nie auch nur im Ansatz von einem ranghöchsten Mann gesehen.

Solange jedenfalls wir Männer gesellschaftlich und damit auch hierarchisch höherrangig sind als Frauen, ist unsere kollektive Intelligenz gemindert, ist unsere gemeinsame Mission nicht erfüllt, ist letztlich unsere Überlebensfähigkeit als Art gefährdet. Wir können nicht so tun, als gäbe es diese Unterschiedlichkeit im relativen Rang nicht. Im Abendland haben wir zwar verhältnismäßig gute historische Voraussetzungen für eine Gleichrangigkeit der Geschlech­ter. Aber wir haben gerade eben erst eine Stufe der Entwicklung erreicht, die uns erlaubt zu sagen, dass wir auf einem guten Weg sind, die bedeutsamen Rangunterschiede zu egalisie­ren, die es immer noch gibt. Deutschland liegt im Übrigen im Vergleich zu anderen Industrie­nationen ganz hinten: selbst in den Vereinigten Emiraten gibt es mehr Frauen in Führungs­positionen als in diesem Land. Eine Schande. In weiten Teilen der Welt sind die Menschen aber selbst von uns immer noch Lichtjahre entfernt. Noch im Juni 2014 konnte ein regionaler Minister der Regierungspartei in Indien öffentlich sagen: „Manchmal ist es richtig, manchmal nicht, eine Frau zu vergewaltigen“. Die Unterdrückung der weiblichen Hälfte der Menschheit, ich sage es noch einmal, ist an der Wurzel der virulentesten Konflikte der Gegenwart.

Eine der Auswirkungen von Rangunterschieden (also des Zugriffs auf Ressourcen und der Unterschiede in den Privilegien) besteht allerdings darin: Die Niedrigrangigen sind wesentlich mehr darauf angewiesen, die Höherrangigen zu studieren und zu verstehen als umgekehrt. Deswegen kennen die Frauen die Männer im Allgemeinen wesentlich besser als die Männer die Frauen. Darin liegt eine unverzichtbare Ressource, wenn es darum geht, den Anderen zu beeinflussen, zu führen. Auch wenn der viel stärker ist. Ich wünsche mir hiermit eine Welt, und trete mit Leidenschaft für sie ein, in der es für beide Geschlechter gleich wichtig ist, das andere Geschlecht zu studieren und zu kennen – nicht nur in den persönlichen, sondern auch in den Rollenbeziehungen. Das führt dann unabweislich dazu, diese Stärken auch ein bisschen in sich selbst wiederzufinden und zu entwickeln, wenn natürlich auch niemals so vollendet. Das verbindet. Das Leben könnte so schön sein …

 

Aufschlussreiches und Ermutigendes zu diesem Thema übrigens in diesem Interview mit Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland.

 

All dies und noch viel mehr steht natürlich in Tough Love.

Hier, oder hier, oder am besten bei Ihrem lokalen Buchhändler, können Sie es direkt beziehen.

 

In Teil 3 dieser Blogreihe wird es dann ganz heftig …

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