Im abschließenden dritten Teil dies Reihe möchte ich einige weitere Delikatessen näher erläutern, die uns erwarten, wenn es darum geht, hierarchisch Gleichrangige zu beeinflussen. Denn: während wir im selben Stockwerk sitzen, gibt es gleichwohl einige Gesichtspunkte, nach denen unser jeweiliger Rang, und also das Gewicht unserer Beiträge, sich mehr oder weniger subtil unterscheidet …

 Expertise

Der Fairness halber muss ich es jetzt erwähnen und ihm Ehre erweisen: es gibt gewisse Restzustände und Reservate einer Rangordnung, die auf Expertise gegründet ist. Dass das Wort von jemand, der sein Handwerk versteht und gemeistert hat, mehr wiegt als das von jemand, der nur eine vage Ahnung von den sinnlichen Erfahrungen und Herausforderungen dieses Handwerks hat. Zumindest dann und solange, wie es um die Ebene des konkreten Handwerks geht. Niemand kennt sich besser aus als die Hand-werker, wenn es gilt, etwas ganz konkret zu implementieren. Gut, ihnen zuzuhören, wenn sie ihre Geschichten von den voraussehbaren Folgen richtunggebender Entscheidungen erzählen. Sie repräsentieren ja wie niemand anders den Fokus, die Dritte Sache, um die herum man sich gemeinsam versammelt hat, und ohne die man gar nicht da wäre. Zugleich sind unsere Handwerker aber auch von Natur aus konservativ. Sie neigen dazu, an den sinnlichen Realitäten der Arbeit, wie sie immer war, kleben zu bleiben. Im ärgsten Fall lehnen sie Neuerungen verachtungsvoll und ohne weitere Prüfung ab, die vergleichbare Ergebnisse kostengünstiger mit gänzlich anderen Mitteln und vor allem weniger Handwerk erreichen.

Seniorität

Eine weitere ein bisschen altmodisch anmutende, aber nicht zu ignorierende Rangordnung ergibt sich schlicht und einfach und erhaben aus der Dauer der Zugehörigkeit: Seniorität. Das sind die, die am längsten dabei sind. Die blieben, als andere gingen. Die vielleicht noch Augenzeugen der Geschichte waren, wie alles anfing. Die als Personen die Geschichte in sich tragen, und für andere repräsentieren, wie sich alles über die Zeit hinweg entwickelte, mit welchen Höhen und Tiefen, mit welchen Triumphen und Erfolgen und Enttäuschungen und Niederlagen.

Die Erzähler der Lagerfeuergeschichten.

Ihr Wort hat immer dann besonderes Gewicht, wenn es darum geht, gegenwärtige und bevorstehende Ereignisse und Herausforderungen in den Kontext der Geschichte zu stellen, wie sie sich bisher gestaltet hat und vielleicht weiter entfalten wird – wenn die Erfahrungen der Vergangenheit irgendein Anhaltspunkt dafür sind, wie es in Zukunft weiter-gehen wird, und das sind sie meist. Die Vertreter der Seniorität sind immer ein bisschen die Gralshüter des Zaubers der Anfänge, aber auch die zynisch gewordenen Richter über die Enttäuschungen der Entwicklung seitdem. Ihr Wort kann einen sehr hellen und verbindenden, aber auch einen sehr düsteren und desillusionierenden Einfluss auf die anderen haben.

Zugang zu Ressourcen

Dann gibt es noch eine ganz spezielle systembedingte Rangskala, die nichts mit der Größe und Gewaltigkeit der Verfügung über Berge und Massen zu tun hat, und auch nicht mit irgendeiner Sachkenntnis oder Priesterschaft arkanen Wissens, sondern nur mit dem Zugriff auf, oder besser, dem Zugang zu Ressourcen. Oder, noch genauer, mit dem Zugang zu dem, der die Ressourcen verteilt: dem Chef und anderen Chef-artigen Instanzen. In der Praxis ist das der Zugangsrang, den Leute haben, die beeinflussen können, wer Zugang zum Chef hat und vor allem wann, und welche Geschichte der Chef oder die Chefin hört, bevor Sie überhaupt auf der Bildfläche erscheinen und Ihre Stimme erheben können: Assistenten, Sekretärinnen, Stabsfunktionen und so. Und natürlich dann noch die – zweitrangig, in welcher Rolle –, die persönlich Zugang zum und Einfluss auf den Boss haben. Auch die Worte all dieser ja an sich Gleichrangigen haben ein ganz spezielles Gewicht. Man wähnt in ihnen und hört in ihnen Echos der Stimme des Herrn, oder der Dame. Indem man in ihre Ohren spricht, versucht man, das Gehör und die Aufmerksamkeit der Vorgesetzten zu erreichen.

Gegenseitige Konkurrenz

Dann ist da natürlich noch dies: Sie konkurrieren miteinander. Das ist der entscheidende Unterschied zu jedem Führungsversuch, der sozusagen hierarchisch gefordert und auch abgesichert ist. Sie konkurrieren mit Ihren Gleichrangigen um Ressourcen, um Zugang zu und Einfluss auf die nächste Etage, um Einfluss aufeinander, um den Anteil am Ergebnis und um Sichtbarkeit nach außen. Und das ist auch gut so, denn es fordert Sie, sich Ihrer Abhängigkeiten und Ihrer Unabhängigkeiten, Ihrer Eingebundenheit und Ihrer Freiheit so bewusst zu werden wie möglich – und dann einen tiefen Atemzug zu nehmen und mit Haltungsnote ins Wasser zu springen, um einen Unterschied zu machen, der sich gewaschen hat. Dann ist da natürlich noch dies: Sie konkurrieren miteinander. Das ist der entscheidende Unterschied zu jedem Führungsversuch, der sozusagen hierarchisch gefordert und auch abgesichert ist. Sie konkurrieren mit Ihren Gleichrangigen um Ressourcen, um Zugang zu und Einfluss auf die nächste Etage, um Einfluss aufeinander, um den Anteil am Ergebnis und um Sichtbarkeit nach außen. Und das ist auch gut so, denn es fordert Sie, sich Ihrer Abhängigkeiten und Ihrer Unabhängigkeiten, Ihrer Eingebundenheit und Ihrer Freiheit so bewusst zu werden wie möglich – und dann einen tiefen Atemzug zu nehmen und mit Haltungsnote ins Wasser zu springen, um einen Unterschied zu machen, der sich gewaschen hat. Die Voraussetzung dafür, so etwas mit einem gesunden Selbstvertrauen und mit einer realistischen Chance auf Durchkommen tun zu können, ist: Man sollte sich seiner persönlichen Stärken und Schwächen präzise bewusst sein. Man/frau sollte den eigenen unverzichtbaren Beitrag zum kollektiven Erfolg geübt und kultiviert und entwickelt und konturiert haben, und man/frau sollte niemals aufhören das zu tun, denn es wird sich ändern, wenn man einmal begonnen hat es zu tun. Was sich jetzt als Fazit aufdrängt, in Betrachtung der tieferen Beitrags- wie der konkreten Beziehungsebene im Führerschaftsprozess in Gruppen von hierarchisch Gleichrangigen, diesem ganzen Gefüge archetypischer und modernster systemischer Bedingungen, ist:

Es kommt wie nirgendwo sonst auf uns als Personen an. Tango!

 

All dies und noch viel mehr finden Sie natürlich auch in Tough Love – Führung ist Beziehungsarbeit. Hier, hier, durch ihre lokale Buchhandlung oder am besten über unser liebes Wandelforum können Sie es online bestellen. Es wird von einer bunten Schar gleichrangiger, miteinander konkurrierender und prekär beschäftigter Götterboten zugestellt. Ihre Meinung ist uns wichtig!

 

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© Rainer Molzahn

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