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In unserem 2007 erschienenen Grundlagenwerk ‚die heiligen Kühe und die Wölfe des Wandels‘ schrieben Elke und ich im Prolog:

„Als Günter Grass in letztens einem Fernsehinterview gefragt wurde, wie sich Kalkutta seit seinem ersten Aufenthalt 1990 verändert habe, war seine Antwort: „Man kommt viel besser mit dem Taxi durch die Stadt. Die vielen heiligen Kühe, die früher den Verkehr sehr behinderten, sind verschwunden!“ Was muss in Kalkutta geschehen sein, um die heiligen Kühe von den Straßen zu bekommen? Welche heftigen Diskussionen, welche tief greifenden Auseinandersetzungen, welche Veränderungsprozesse müssen dort abgelaufen sein, bevor die Straßenverkehrsordnung geändert werden konnte? Schließlich waren es heilige Kühe, Symbole einer Jahrtausende alten geistigen Weltordnung, die mit den Erfordernissen und Einladungen der neuen Zeit in Konflikt gerieten.“

Den Epilog desselben Werkes beendeten wir mit diesen Worten:

„Die Regierung von Delhi beschloss 2003, die Hauptstadt kuhfrei zu machen. Damals streunten noch mehr als 35 000 Kühe durch das Stadtgebiet. 2005 waren es noch 7 000, mittlerweile dürften es nur noch wenige sein. Zwei Jahre lang durchkämmten die Kuhsondereinsatztruppen der Municipal Corporation of Delhi die Stadtteile, sammelten die Kühe von den Straßen auf oder nahmen sie ihren meist armen Besitzern weg, um sie auf Viehwagen zu verladen und außerhalb der Stadtgrenzen auf dem Land wieder auszusetzen. Das ging natürlich nicht ohne Beschimpfungen, Konflikte und Handgreiflichkeiten ab, und daher wurde die Aktion erst durchschlagend, als die Kuheinsatztrupps von Polizisten begleitet wurden. Inzwischen hat die von der säkularen Kongresspartei geführte Stadtregierung Delhis, um den Tierhaltern und den vielen illegalen Molkereien ihre Existenzgrundlage nicht zu rauben, am Stadtrand eine öffentliche Großmolkerei eröffnet. Dort kann sich jeder für ein paar Rupien einkaufen und in der Nähe Land für seine Kühe pachten. Das Schlachten von Kühen ist nach wie vor, allerdings bei moderaten Strafen, untersagt. Der gesamte Prozess wurde natürlich begleitet von einer breiten öffentlichen Diskussion über die ökonomische, ökologische und mythologische Bedeutung der Kuh. Woher der politische Druck kam, der die Regierung zu dieser revolutionären Initiative bewog? Das waren die ‚Delhiites’, die wachsenden wohlhabenderen Mittelschichten, die endlich in einer richtigen Stadt leben wollten. Diese hatten die Behörden immer wieder angerufen, ‚wenn ein träges Vieh die Garageneinfahrt versperrte oder ein spontan errichteter Futtertrog den Gehweg blockierte.‘ Manche Luxushotels in Delhi dürfen jetzt importierte Rindersteaks anbieten.“

Das war 2006/2007. G.W. Bush war noch amerikanischer Präsident, aber es gab Hoffnung, weil B. Obama für ein besseres Amerika und eine bessere Welt kämpfte. In Deutschland regierte die erste schwarz-rote Koalition unter Frau Merkel, aber es gab Hoffnung, weil eine friedliche Transformation zu einer globalen Ordnung möglich schien. 2008/2009 wurde diese Hoffnung durch die Finanzkrise schwer erschüttert – die meisten werden sich erinnern.

 

12 Jahre später

In jüngster Zeit bezeugen wir unter Tränen in globalem Maßstab ein Wiederaufleben von lokalen und regionalen ‚identitären‘ Entrüstungen und Empörungen gegen einen solchen Prozess (der natürlich, wie auch schon damals vorausgesehen, eine große Anzahl lokaler Verlierer gegen eine kleine Anzahl globaler Gewinner in Stellung bringt).

In Deutschland heißt das: es gibt die AfD – um es mal milde auszudrücken. Im (noch) Vereinigten Königreich gibt es Boris Johnson und seine Brexiteers, in den USA gibt es Trump und die seinen.

In Indien heißt es: seit 2014 gibt es den Premier Narendra Modi von der BJP, der hinduistisch-nationalistische Regierungspartei. Seitdem er an der Macht ist, fördert er das Revival eines aggressiven, ‚identitären‘ Nationalismus. Seitdem gibt es nicht nur wieder zunehmend mehr ‚heilige‘ Kühe auf öffentlichen Straßen und Plätzen. Es gibt auch ein immer aggressiveres, von den Behörden gedecktes oder geduldetes Vorgehen gegen Menschen, denen die Kuh nicht so heilig ist wie den orthodoxen Hindus. Dies sind vor allem Muslime, von den einige ihr Geld damit verdienen, Rindfleisch zu produzieren, zum Teil für den Export. Mittlerweile werden in 22 von 29 indischen Bundesstaaten wieder langjährige Gefängnisstraffen für das Töten von Kühen verhängt, und, am krassesten: es gibt eine stetig wachsende Anzahl bewaffneter und gewaltbereiter Milizen, auch in Bundesstaaten, in denen fast 50% Muslime leben, die religiöse Samenergüsse dabei bekommen, islamische, des Kuhhandels verdächtige Personen zu misshandeln, zu verprügeln oder gar zu lynchen. Tausende Opfer sind es mittlerweile.

Vielleicht war es dieses Klima, das es vor wenigen Wochen politisch möglich machte, dass Indien den Sonderstatus von Kaschmir aufhob, wo die Muslime einen besonders großen Bevölkerungsanteil stellen (zum Teil quer durch Familien), und das zwischen Indien, Pakistan und auch China umstritten ist. Nota bene: Indien ist mehrheitlich hinduistisch, Pakistan islamisch. Sowohl Indien als auch Pakistan als auch China sind Atommächte.

Meine Frage, ganz im Sinne der kulturellen Kompetenz: könnte es sein, dass es Amerikas Abschied aus irgendeiner Art von Ältestenschaft für das Schicksals unseres kleinen Planeten war, von Donald J. Trump mit seinem ‚America first‘ eingeläutet, das diese verzweifelten Entwicklungen möglich machte?

 

Diese Zeilen haben ihre Basis in die heiligen Kühe und die Wölfe des Wandels.

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